
Das Buch war nicht geplant, das müssen Sie mir glauben. Die Idee dazu kam erst viel später. Tatsache ist aber, ich bin unterwegs und das häufig nachts.
Ob es eine Reminiszenz an alte Zeiten war oder ich mir lediglich endlich eingestanden hatte, dass ich bisweilen nachts nicht schlafen kann, vermag ich gar nicht mehr zu sagen. Aber eines Nachts im Winter letzten Jahres, als ein Schlafversuch mal wieder scheiterte, machte ich mich auf den Weg. Den Kopf voller unruhiger Gedanken, lief ich durch dunkle Nebenstraßen hinunter nach Werden, schlenderte durch unsere Altstadtgassen, schaute in nicht mehr erleuchtete Schaufenster, erahnte Auslagen, um über die Hauptstraße (wohl gemerkt: auf der Straße) nach einiger Zeit meine Heimatadresse wieder zu erreichen. Das tat gut. Die Stille und die Kälte machten meinen Kopf frei und brachten ihn zur Ruhe. Erst lange danach realisierte ich: Der Gang durch die Nacht hinterließ einen tiefen Eindruck von Zeitlosigkeit. Werden wirkte auf mich anders, als ich es je erlebt hatte. Kein Stress, keine Hektik, keine Autos, Menschenleere – eine Ruhe, die tagsüber nicht zu finden ist.
Ich begann die Spaziergänge häufig zu wiederholen und zu kleinen, oft stundenlangen Abenteuern zu machen. Und weil mich die Abwesenheit von Licht so fasziniert hatte, fing ich an, meinen Fotoapparat umzuhängen sowie ein Stativ zu schultern. Ich besitze keine Profiausrüstung und bin kein Fotograf. Das zu betonen ist mir sehr wichtig – keine Anmaßung! Man wird dem einen oder anderen Bild seine Mängel anmerken. Mir ging es auch nicht um Perfektionismus, sondern darum, Stimmungen einzufangen, hier und da Blickwinkel zu verändern und zu zeigen, wie wunderbar Werden sich auch in der Nacht seinen seltenen Besucherinnen und Besuchern zeigt.
Und irgendwann wurde schließlich doch ein Projekt daraus. Ich ging auf Friedhöfe, strauchelte auf dem Leinpfad, nutzte regennasse Straßen als sich spiegelnde Kulissen, stapfte zu meinem Lieblingsbaum auf dem Schuirweg und entfernte mich auch für die vier »Nachbarn« aus Werden heraus. Menschen habe ich im Übrigen nie getroffen – na ja, bis auf zwei, drei Ausnahmen vielleicht. Eine Begegnung begann mit einem schweren Sturz und endete mit einer ebenso kleinen wie großartigen Geste, an die ich immer wieder mit einem leisen Schmunzeln denken werde.
Dass ich obendrein die Gelegenheit bekam, auch in Räumen nachts Bilder zu machen, empfinde ich immer noch nicht als einer Selbstverständlichkeit. Schließlich musste ja jedes Mal jemand mit Schlüsselgewalt und einer ordentlichen Portion Geduld vor Ort sein. Im Restaurant Schiffers bin ich gewesen, wenige Tage bevor das Restaurant seine Pforten schloss, für das Bürgermeisterhaus und die Buchhandlung Schmitz bekam ich Schlüssel, konnte somit nach Belieben schalten und walten. Die Ofenbauerin Gudrun Quincke nutzte die nächtliche Stunde für Büroarbeiten. Im Werdener Schwimmbad bekam ich neben Beleuchtungshilfen obendrein eine Einführung in die komplexe Technik des Hauses und der Küster der Pfarrei St. Ludgerus sorgte dafür, dass ich nicht auch noch stolpern würde. Vielen herzlichen Dank!
»Werden Nachts« ist eine Einladung, zu blättern, einzutauchen in eine kleine verborgene Welt. Vielleicht ja nachts, wenn Sie mal nicht schlafen können…















